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Er war einer der Größten.

Und dann wurde er vergessen.

Dies ist die Geschichte des niederländischen Dirigenten Willem Mengelberg. Es gab ihn wirklich. Sein Beethoven klang atemberaubend. Sein Tschaikowski war legendär. Richard Strauss widmete ihm Ein Heldenleben. Gustav Mahler war sein bester Freund. Und dann kannte er plötzlich auch Arthur Seyß-Inquart, den Chef der Nazi-Besatzerregierung in den Niederlanden. Der Richtigspieler ist die Geschichte einer persona non grata und zugleich die eines der größten Dirigenten aller Zeiten. Michael Schmidt hat aufgeschrieben, wie zusammenkam, was nicht zusammengehört.

Weltbuch Verlag Sargans und Dresden
260 Seiten, Softcover
ISBN/ISSN: 3-906212-27-0
ISBN 13: 978-3-906212-27-2
GTIN: 9783906212272
Preis: 16,90 € (D) / 17,40 € (A) / 19,90 SFr (CH, UVP)

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Handlung

Das Meiste ist wirklich so geschehen.
Der Rest hätte so geschehen können.

Links: Chasa Mengelberg, 2002 (Foto: Michael Schmidt); Mitte: Mengelberg am Eingang zur Chasa, 1947 (Foto: Lindsay P. Pherigo; Quelle: Nederlands Muziek Instituut); rechts: Esszimmer der Chasa, 2002 (Foto: Michael Schmidt)

Hat der Journalist, der Willem Mengelberg im Schweizer Exil besucht, wirklich gemeint, er könne ein normales Interview führen? Es wird ein Monolog: Nach Jahren des erzwungenen Schweigens redet der kranke Maestro – drei Tage lang. Er redet sich buchstäblich zu Tode. Über sein Musikverständnis, das so anders war als das der Anderen. Über seine Freundschaft zu Mahler. Über seine Kollaboration mit den Nazis. Die Fragen nimmt Mengelberg dem Journalisten einfach vorweg. Sein Monolog wird zur Lebensbeichte. Aber nicht zu einer demütigen.

Hätte sich im März 1951, aus Anlass des bevorstehenden 80. Geburtstages des gestürzten Pultstars, wirklich ein Zeitungsmann auf den Weg in Mengelbergs Bergeinsamkeit gemacht, dann wäre wohl das dabei herausgekommen, was Der Richtigspieler erzählt. Wenn der Dirigent aus seinem Leben berichtet, muss eigentlich nichts hinzuerfunden werden. Die Fakten sind abenteuerlich genug.

Am Ende nimmt die Handlung eine überraschende Wendung, aber die wird hier natürlich nicht verraten.

Fakten

Es stimmt, dass Mengelberg die Partituren von ihm dirigierter Werke in Details verbessert hat. Er tat das, wo das Gedruckte seiner Meinung nach den Absichten des Komponisten zuwiderlief. Genau dieses Verhalten führte zum Titel des Buchs: Der Richtigspieler.

Es ist wahr, dass es Tschaikowskis gedruckte Partituren waren, mit denen Mengelberg begann – um dann mit Hilfe von Tschaikowskis noch lebendem Bruder Modest feststellen zu können, dass er richtig gelegen hatte. Tschaikowski war aber nicht der einzige Komponist, mit dem Mengelberg so verfuhr. „Das hat ihm wohl Modest Beethoven so gesagt.“ (Oder Modest Bach, Modest Brahms, je nachdem.) Der augenzwinkernd-resignierende Standardspruch der Amsterdamer Orchestermusiker ist ebenfalls nicht erfunden.

Real ist auch die Geschichte mit der Kutschfahrt und der hochgezogenen Brücke in Amsterdam. Prof. Jan Koetsier hat sie mir berichtet, Mengelbergs Assistenzdirigent. (Ihm selbst kam dabei die gleichfalls in der Geschichte erwähnte „Opferrolle“ zu.) Die Episode mit dem Arbeitersänger Ernst Busch ist ebenso belegt. Mengelberg hat in Dresden wirklich die Baronin Weber getroffen. Und ja, er hat den Nazis im Oktober 1940 tatsächlich eine letzte Aufführung von Mahlers 1. Symphonie abgetrotzt.

Viele Details in Der Richtigspieler sind also authentisch. Andererseits bekäme es jede wissenschaftliche Biografie bei Mengelberg mit einem schwerwiegenden Problem zu tun: mit den verborgenen Motivationen, die den Mann gerade zu seinen entscheidenden Handlungen bewegt haben – den musikalischen ebenso wie den außermusikalischen. Diese großen weißen Flecken kann der Roman ungestraft füllen, und auch das tut Der Richtigspieler.

Ort

Ort der Rahmenhandlung von Der Richtigspieler, also für das „Interview“, ist die Chasa Mengelberg, das Ferienhaus des Dirigenten. Es gibt sie wirklich; sie befindet sich in 1.711 Metern Höhe auf der Alm Zuort im Unterengadin in der Ostschweiz. Das Haus, ein großes hölzernes Chalet, ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Im Juli 2002 konnte ich es trotzdem besuchen. Damals gehörte die Chasa noch der Mengelberg-Stiftung und bot jungen Orchestermusikern im Sommer Raum zum gemeinsamen Musizieren. Das war meine Chance.

Noch sehr genau erinnere ich mich meiner Irritation, als ich vor der Tür stand und das Patchwork an die Außenwand geschraubter alter Emailschilder sah: Freies Ausspucken verboten! Fasse Dich kurz! Verbotener Eingang! Da hatte einer offenbar seiner Lausbubengesinnung nachgegeben und alles geklaut, was er bekommen konnte. Als ich sechzehn oder siebzehn gewesen war, hatte ich das auch getan. Aber wer hatte auf diese Weise Mengelbergs Haus verunziert? Bald erfuhr ich: Er selbst war es gewesen.

Ich hatte geradezu unverschämtes Glück. Begrüßt wurde ich von Adriaan van Woudenberg, einem älteren Herrn, der wie viele Niederländer sehr gut Deutsch sprach. Es stellte sich heraus, dass er früher Hornist im Concertgebouw-Orchester gewesen war. Engagiert hatte ihn – Willem Mengelberg persönlich, 1943. Da war er achtzehn gewesen.

Die Chasa Mengelberg wirkte, als sei ihr ursprünglicher Bewohner gerade eben nur kurz nach draußen gegangen. Es war alles unverändert: das bäuerliche Mobiliar, die Schallplatten, das Klavier, die Bilder, sämtliches Interieur. Ich besah mir Mengelbergs Bücherregal und war verblüfft ob dessen Inhalts: der gesammelte Karl May, Schenzingers Anilin, Knittels Via Mala. Fast alles auf Deutsch. Auch ein Stapel Illustrierter aus den frühen 1940er Jahren lag da noch. Dass Mengelberg alles andere als ein intellektueller Mensch gewesen und dass Deutsch die „Amtssprache“ auf der Chasa gewesen sei – van Woudenberg sagte es mir.

Ich sah Mengelbergs Tonbandgerät, das in Der Richtigspieler eine Rolle spielt. Bekanntlich war es nur mit Batterien zu betreiben. Das Haus hatte auch im Jahr 2002 noch keinen Elektroanschluss.

Am Geländerknauf des Treppenaufgangs im Vestibül hing Mengelbergs Horn, mit dem er während der Sommerfeste die über die Alm verstreuten Schäfchen zum gemeinsamen Mahl rief. Van Woudenberg führte es mir vor.

Überhaupt, die Sommerfeste. Der alte Hornist erklärte mir, wie sie abgelaufen waren: die Onkel- und Tante-Namen, die grotesken Spiele. Wir tranken Wein aus Mengelbergs Gläsern. Und dann ging ich auf die Toilette und sah das an die Wand geschraubte Lesebrettchen, das ganz offensichtlich aus einem Eisenbahnwagen gestohlen worden war. Ich klappte es herunter und las den aufgeklebten Zettel mit Mengelbergs Handschrift: Das Lesen philosophischer Werke ist hier verboten!

Zum Schluss gingen wir hinüber zu Mengelbergs Kapelle, wo Adriaan van Woudenberg mir das vom Dirigenten gebaute Glockenspiel zeigte. Da war ein Schubkasten, in dem Noten lagen. Oben auf dem kleinen Stapel: Mengelbergs selbstkomponiertes Abschiedsständchen. Der alte Hornist hämmerte es für mich mit geballten Fäusten in die Tastatur, dass das ganze Tal dröhnte.

All das taucht auch in Der Richtigspieler auf.

Sprache

Mengelbergs Sprache in Der Richtigspieler ist burschikos, zuweilen fast vulgär. Spricht so ein großer Künstler? Und dann ist da dieser nicht zu stoppende Redefluss – Der Richtigspieler kommt quasi als Monolog daher. Wie real ist beides?

Wenn Mengelberg eines nicht war, dann eine feinsinnige Künstlernatur. Dem Äußeren nach hätte er einem Bild des Adriaen Brouwer entstiegen sein können: eine jener Bauernfiguren, die der niederländische Meister im 17. Jahrhundert gemalt hatte: kleine gedrungene Gestalt, grobes Gesicht mit Stupsnase und Glupschaugen, flammend rotes, vom Schädel abstehendes Kraushaar.

Sein Verhalten passte zu seiner Erscheinung: Mengelberg war polternd und starrsinnig, selbstherrlich und diktatorisch. Journalisten pflegte er zuweilen auf den Arm zu nehmen. Mit todernster Miene erzählte er ihnen offenkundigen Unsinn. Das berichtete mir Mengelbergs Assistenzdirigent, Prof. Jan Koetsier, der Augen- und Ohrenzeuge solcher Situationen gewesen war. Wenn er sprach, erinnerte er zuweilen an einen schnarrenden preußischen Offizier – aber einem, dem irgendwie der Schalk im Nacken saß. Deutsch sprach Mengelberg akzentfrei. Wer es hören will: Auf YouTube ist ein Rundfunkinterview von 1936 mit ihm zugänglich.
Mengelberg war ein guter Gesellschafter; er liebte derben Humor und die einfachen Genüsse. Von Literatur, Philosophie und bildender Kunst hatte er nur wenig Ahnung. Sein Feinsinn konzentrierte sich wirklich ausschließlich aufs Musikalische. Dort allerdings überragte er alle.

Und ja: Mengelberg war ein bekennender Vielredner. Die stundenlangen Vorträge, die er seinen Musiker in den Proben hielt, statt sie spielen zu lassen, sind legendär.

Willem Mengelberg

Mengelbergs Dirigierpartitur der 4. Symphonie von Gustav Mahler mit handschriftlichen Einträgen Mengelbergs und Mahlers (Quelle: Nederlands Muziek Instituut)

Der vergessene Weltstar.

Ein halbes Jahrhundert lang, von 1895 bis 1945, war Willem Mengelberg Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters. Abgesehen von der Königin, galt er als populärster aller Niederländer – und er war weltbekannt. Man nannte ihn in einem Atemzug mit Furtwängler und Toscanini. Nur, dass bei Mengelberg alles noch aufregender klang als bei diesen. Doch er konnte sich dabei auf die Unterstützung derer berufen, auf die es ankam: Gustav Mahler und Richard Strauss beispielsweise meinten, Mengelberg könne ihre Werke besser aufführen als sie selber.

Als 1940 die Nazis die Niederlande besetzten, ging Mengelberg nicht ins Exil. Er arrangierte sich mit den Besatzern. Mit fatalen Folgen, als es vorbei war: Berufsverbot, Aberkennung der Pension – und nun doch auch Exil. Mengelberg starb einsam, arm und verbittert in seinem Haus in den Schweizer Bergen. Das halbe Jahrhundert, das er musikalisch in Amsterdam geherrscht hatte – es wurde anschließend quasi aus den Annalen getilgt.

Leben

Willem Mengelberg: 1871 (Utrecht; Niederlande) – 1951 (Zuort, Schweiz)

1871 Joseph Wilhelm Mengelberg als Sohn eines deutschen Holzbildhauers geboren
1888 Studiert Musik in Köln (bis 1891)
1892 Wird Leiter des Städtischen Konservatoriums Luzern
1895 Wird Chefdirigent des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam (CGO)
1900 Heiratet Mathilde „Tilly“ Wubbe, Sopranistin im Amsterdam Tonkunstkoor
1902 Lernt Gustav Mahler kennen
1903 Erste Aufführungen von Mahler-Symphonien mit Mahler in Amsterdam
1907 Reist im Juli nach Dresden und lernt Marion von Weber kennen
1909 Letzte Aufführung einer Mahler-Symphonie mit Mahler in Amsterdam
1910 Sommerurlaub auf der Alm Zuort – beschließt, hier ein Haus zu bauen
1911 Mahler stirbt; Baubeginn der Chasa Mengelberg auf der Alm Zuort
1920 Mahler-Fest in Amsterdam
1921 Wird zusätzlich Musikdirektor des New York Philharmonic Orchestra (NYPO)
1924 Dirigiert in Amsterdam von ihm vollendete Teile der 10. Symphonie von Mahler
1926 Als zweiter Musikdirektor des NYPO kommt Arturo Toscanini nach New York
1929 Toscanini intrigiert gegen Mengelberg. Dieser verlässt daraufhin New York
1934 Mengelberg und Tilly nehmen ihren Hauptwohnsitz in der Schweiz
1938 Eduard van Beinum wird neben Mengelberg Zweiter Chefdirigent des CGO
1940 Agiert zu Beginn der deutschen Besetzung öffentlichkeitswirksam unglücklich. Letztes Dirigat einer Mahler-Symphonie in Amsterdam
1941 Setzt sich bei Reichskommissar Seyß-Inquart erfolgreich für jüdische Orchestermitglieder ein
1942 Bewahrt durch persönliche Fürsprache bei Seyß-Inquart etwa 40 jüdische Künstler und Intellektuelle vor der Deportation. Sonderkonzerte für Nazi-Nomenklatura in Amsterdam
1943 Tilly stirbt in Luzern
1944 Im Mai letztes Konzert mit dem CGO in Amsterdam. Im Juni letztes Konzert überhaupt in Paris. Rückzug auf die Chasa
1945 Nach der Befreiung der Niederlande wird Mengelberg in Abwesenheit wegen Kollaboration verurteilt: lebenslanges Einreiseverbot in die Niederlande, Aberkennung der Pension und aller Ehrungen
1947 Namhafte Künstler der Niederlande, u.a. van Beinum, reichen eine Petition gegen das Urteil ein. Milderung des Einreiseverbots – es gilt nur noch bis Juli 1951. Mengelberg wird krank
1951 Mengelberg stirbt in der Chasa, wird an Tillys Seite in Luzern begraben

Musiker

„Man muss übertreiben, sonst verstehen es die Leute nicht.“ Diese Äußerung Mengelbergs gegenüber seinen Orchestermusikern – sein Biograph Frits Zwart weiß von ihr – könnte als sein musikalisches Credo gelten. In der Tat hat der Dirigent die Partituren der Komponisten stets in dem Sinne interpretiert, den er in ihnen erkannt zu haben meinte. Mengelbergs Dirigierpartituren, die heute im Nederlands Muziek Instituut in Den Haag aufbewahrt werden, strotzen vor handschriftlichen Einträgen. Das Ergebnis seiner subjektiven Auffassung war stets atemberaubend gut. Zu Mengelbergs Zeiten lebende Komponisten wie Mahler, Rachmaninow, Ravel, Strauss oder Strawinski waren voll damit einverstanden, was der Dirigent aus ihren Werken machte. Bartók, Hindemith oder auch Kodály überließen ihm Uraufführungen.

Drei der wichtigsten Stilmittel, die Mengelberg regelmäßig als musikalische Unterstreichungen einsetzte, waren der alten romantischen Dirigiertradition entlehnt: Portamenti bei den Geigen, Forte-subito-Einsätze und ein extremes Rubato. Um die Wirkung zu verstehen, muss man nur seine Live-Aufnahme von Beethovens Neunter aus dem Jahr 1938 hören. So aufregend hat man diese Musik noch nie erlebt.

Legendär war Mengelbergs Probenstil. Statt seine Musiker spielen zu lassen, hielt er ihnen zunächst stundenlange Vorträge zur Bedeutung des Werks. Das machte ihn beim Orchester nicht eben beliebt, aber – so sagte Augen- und Ohrenzeuge Jan Koetsier: Wenn die Musiker endlich spielten, war das Ergebnis frappierend, vollkommen unerklärlich.

Auch dass Mengelberg vom Orchesterklang mehr verstand als Andere, wirkte sich aus. Er konnte die Wirkung jedes einzelnen Instruments auf das Ganze erspüren, und zwar in jedem konkreten Raum. Außer ihm konnte das wohl nur noch Leopold Stokowski. „Bemängelberg“, so sein Spitzname, hörte buchstäblich alles, und er ließ einfach nichts durchgehen.

Allerdings geriet Mengelberg schon um 1930 in die Schusslinie Derjenigen, die sich für eine moderne „objektive“ Musikinterpretation einsetzten – allen voran Arturo Toscanini. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie geradezu zum Dogma. Es hat die klassische Musik bis heute im Griff.

Mengelberg war ein ungemein fleißiger Schallplattenproduzent. Viele seiner Aufnahmen mit dem Concertgebouw-Orchester finden sich heute auf YouTube. Auch ein etwa zwanzigminütiges Filmdokument ist zu finden. Der 1931 in den Pathé-Studios von Epinay-sur-Seine aufgenommene „Konzertmitschnitt“ zeigt, wie Mengelberg seine hochemotionalen Aufführungen dirigierte: erstaunlich unemotional und hauptsächlich mit den Augen.

Verstrickung

Kommt Mengelbergs Kollaboration mit den Nazis zur Sprache, dann heißt es heute, er sei einfach politisch naiv gewesen. Es verhielt sich wohl komplexer.

Zunächst war Mengelberg ein lebendes Fossil aus jener grenzenlosen Welt von gestern, die Stefan Zweig so eindrucksvoll beschrieben hat. Sie war vor allem ein Paradies für Künstler und Intellektuelle gewesen – fruchtbarer Austausch im gesamten europäischen Kulturraum. Mengelberg weigerte sich den Untergang dieser Welt zu akzeptieren. Als er die Möglichkeit sah, sie als Scheinwelt weiter zu bewohnen – Hitlers blutige Version des geeinten Europas –, tat er es.

Gewohnt, dass die Welt sich nach ihm zu richten hatte, versuchte er gar, die Nazis für sich zurechtzubiegen. Wenn, dann war das ausdrücklicher Wille zur Naivität. Spätestens als er erleben musste, wie sie die Musik Gustav Mahlers verbannten, für die Mengelberg geradezu lebte, war er wohl in der Realität angekommen.

Dafür, dass er dennoch weitermachte, ist wohl ein weiterer, noch gewichtigerer Umstand verantwortlich: seine einmalig enge künstlerische Bindung an ein Orchester, das CGO. Mit ihm und nur mit ihm brachte er Leistungen zustande, die wirklich unvergleichlich waren. Dieses Orchester zu verlieren, hätte für Mengelberg bedeutet, sich selbst zu verlieren. Sein Ende scheint das zu belegen.

Letztlich aber ist der Fall Mengelberg zumindest teilweise auch ein Medienfall. Wer heute zu ihm recherchiert, dem wird das klar. Mengelberg hat unter deutscher Besatzung nicht schlimmer kollaboriert als andere auch, vgl. Furtwängler und Strauss. Warum wurde er schlimmer bestraft? Entscheidend war, dass er sich in den ersten Tagen der Besetzung extrem unprofessionell gegenüber der Presse verhalten hat. Er war einfach noch nicht in der neuen bösen Zeit angekommen. Die in jenen Tagen entstandenen Bilder und Schlagzeilen waren 1945 die wichtigsten Anklagepunkte – und nicht etwa das, was folgte: sein Ausharren, seine Konzerte vor Nazigrößen und seine persönlichen Kontakte mit diesen. Ein Shitstorm-Problem siebzig Jahre vor dem Social-Media-Zeitalter – jetzt erst fällt es auf.

Sonstiges Personal

Im Concertgebouw Amsterdam, 1909, v.l.n.r.: der Komponist Cornelis Dopper, Gustav Mahler, Intendant Hendrik Freijer, Willem Mengelberg und der Komponist Alphons Diepenbrock (Foto: W.A. van Leer; Quelle: Nederlands Muziek Instituut)

Wer noch mitspielt.

In Der Richtigspieler tauchen einige historische Persönlichkeiten auf. Drei von ihnen sollen hier kurz beschrieben werden, denn sie spielen Schlüsselrollen im Buch: Gustav Mahler, Marion von Weber und Arthur Seyß-Inquart.

Gustav Mahler

Zu seinen Lebzeiten war Gustav Mahler (1860 – 1911) als Dirigent und Kapellmeister der Wiener Hofoper eine Legende. Als Komponist war er damals hingegen umstritten. Mengelberg kann wohl als der Einzige gelten, der sich vorbehaltlos für Mahlers Musik begeisterte. Zwischen 1903 und 1909 studierten Mahler und Mengelberg in Amsterdam gemeinsam Mahlers Symphonien ein – von der Ersten bis zur Siebten.

Mengelbergs Dirigierpartituren, die sich im Archiv des Niederländischen Musikinstituts in Den Haag befinden, legen beredtes Zeugnis von der Intensität dieser Zusammenarbeit ab. Die Druckseiten sind geradezu übersät mit Notizen von Mengelbergs Hand. Großenteils geben sie Änderungen bei Lautstärke, Tempi oder Instrumentierung wieder, die von Mengelberg vorgeschlagen und von Mahler genehmigt wurden. Zumindest behauptete Mengelberg dies und es kann ausgeschlossen werden, dass er dem Willen des Komponisten zuwiderhandelte. Mahler wiederum vertraute der Intuition des Niederländers beim Orchesterklang mehr als seiner eigenen. Man kann also sagen, dass die Referenz für Mahlers Musik heute nahezu unbeachtet im Archiv vor sich hindämmert.

Leider existieren auch nur drei Aufnahmen von Mengelberg und dem Concertgebouw-Orchester mit Mahlers Musik: eine vollständige 4. Symphonie, das Adagietto aus der Fünften und die Lieder eines fahrenden Gesellen. Man sagt es ungern, aber sie deklassieren tatsächlich die meisten anderen Aufnahmen dieser Werke.

Waren Mahler und Mengelberg Freunde? Mahler ließ niemanden wirklich nahe an sich heran. Aber Mengelberg stand bei ihm zumindest an der Schwelle zu echter Freundschaft – eine Ausnahme. Mahler bewunderte die Interpretationskunst des Niederländers. Er mochte dessen Einfachheit, Unbekümmertheit und Fürsorglichkeit. Zugleich störte ihn Mengelbergs Einfachheit dort, wo sie auf mangelnden Intellekt hinauslief. Es war dies aber höchstens ein kleiner Wermutstropfen in der Beziehung.

Mengelberg wiederum betete Mahler förmlich an. Er bewunderte dessen tiefe Spiritualität, die ihm selbst verschlossen blieb. Auf Mengelbergs Nachtschränkchen in der Chasa standen zwei gerahmte Fotografien: Die eine zeigte seine Frau Tilly, die andere Mahler. Im Musikzimmer hing ein einziges Bild an der Wand: ein Abzug von Mahlers erstem Kinderfoto. So habe ich es mit eigenen Augen gesehen.

Mahlers Witwe Alma, die ansonsten eine Schneise verwüsteter Freundschaften hinterließ, blieb Mengelberg bis an dessen Lebensende tief verbunden.

Marion von Weber

Marion von Weber (1856 – 1931) war mit dem Enkelsohn des Komponisten Carl Maria von Weber (Der Freischütz, Oberon) verheiratet. Im Frühjahr 1888 war sie außerdem die Geliebte von Gustav Mahler, der in Leipzig als junger Assistent für Arthur Nikisch dirigierte. Die Affäre brachte den Ehemann im Wortsinn um den Verstand. Marion beendete daraufhin das Verhältnis mit Mahler. Zuvor aber hatte der Komponist ihr viele Manuskripte seiner ersten Werke geschenkt – das Wichtigste, was er zu geben hatte. (Später würde er auch Alma in ähnlicher Weise beschenken, als er um sie warb.)

Im Sommer 1907 lernt Mengelberg die inzwischen verwitwete Baronin per Zufall in Dresden kennen – ohne etwas von deren Vergangenheit zu ahnen. Auch hier hält sich Der Richtigspieler an die Fakten: Die Weber fährt mit ihm im eigenen Auto auf die Bastei. Von hier schickt Mengelberg seiner Frau Tilly eine begeisterte Ansichtskarte nach Amsterdam („op dat hooge puntje zie je mij staan“). Am Abend dann legt sie ihm in Dresden Mahlers Partiturmanuskripte vor. Beide spielen vierhändig das später von Mahler aus der Partitur gestrichene Andante aus der 1. Symphonie auf Webers altem Komponierklavier. Und dann offenbart sich Marion ihm. Über diese magischen Stunden schreibt Mengelberg einen vierseitigen Brief an Tilly. Es ist also alles bis ins Detail belegt.

Die Partiturmanuskripte allerdings geben heute Rätsel auf. Sie sind verschwunden, vermutlich im Dresdner Feuersturm von 1945 verbrannt. Beim Manuskript der 1. Symphonie kann es sich nicht um die Endfassung gehandelt haben – diese ist erhalten. Vermutet wird, dass das verschollene Andante eine Frühfassung von Mahlers unveröffentlicht gebliebener Komposition Blumine darstellt. Deren finale Noten wurden erst 1966 wiederentdeckt.

Arthur Seyß-Inquart

Im Buch tritt er nur unter seinem Spitznamen auf: Sechs-ein-Viertel. Dabei handelt es sich – in deutscher Übersetzung – um eine seinerzeit unter der niederländischen Bevölkerung verbreitete, onomatopoetische Verballhornung seines Namens. Dass nur dieser Spitzname vorkommt, soll andeuten, welche Pein es dem Helden des Buches bedeutet, über seinen Umgang mit dieser Person zu sprechen. Sie gipfelt in der Unaussprechlichkeit von deren richtigen Namen.

Arthur Seyß-Inquart (1892 – 1946) führte den Titel eines Reichskommissars der besetzen Niederlande, war also der Chef des Nazi-Besatzerregimes – und zwar die gesamte Besatzungszeit hindurch: fünf Jahre lang.

Von Geburt her war er Österreicher (eigentlich: Deutsch-Mährer), und er war promovierter Jurist. In Österreich galt er als Nationalsozialist der ersten Stunde. Seyß-Inquart war 1938 maßgeblich am Sturz der Schuschnigg-Regierung und damit am „Anschluss“ Österreichs beteiligt. Von Rechts wegen hätte er also ein hohes politisches Führungsamt in der nunmehrigen „Ostmark“ beanspruchen können. Das aber traute ihm Hitler nicht zu: Seyß-Inquart galt ihm als zu schwach. Also musste er auf seine Aufgabe warten. Eigentlich wollte er schon aufgeben und seine Anwaltskanzlei weiterführen. Aber so weit ging Hitlers Undankbarkeit nicht. Die Verwaltung der relativ unwichtigen Niederlande war dann der richtige Posten für Seyß-Inquart.

Wenn dieser in Der Richtigspieler als verhinderter Kulturmensch in Erscheinung tritt, so stimmt das. Allerdings war er selbst es, der das verhinderte. Seyß-Inquart war musisch gebildet und interessiert. Er meinte die Niederländer wirklich zu mögen, wollte sie „mit fürsorglicher Hand“ führen und aus ihrem Land ein „nationalsozialistisches Musterland“ machen. Der damit verbundene, unauflösliche Widerspruch dürfte dem hochintelligenten Mann bewusst gewesen sein. (Albert Speer berichtet in seinem Spandauer Tagebuch, Seyß-Inquart hätte beim IQ-Test in Nürnberg den höchsten Wert aller Angeklagten erzielt.)

Vor allem aber wollte er wohl seinem Führer beweisen, dass er ein ganzer Kerl sei. So erzielte Seyß-Inquart außerdem einen – im Vergleich der besetzten Länder – Spitzenwert bei der Erfassung und Deportation der jüdischen Bevölkerung. Weit über hunderttausend ermordete Juden gehen auf sein Konto. Hinzu kommen Geiselerschießungen, denn als die „fürsorglich geführten“ Niederländer den Aufstand probten, geriet der Reichskommissar in Panik. Dass einer wie Mengelberg in mehr als 40 Einzelfällen mit ihm handeln konnte, zeugt wohl auch von Seyß-Inquarts schlechtem Gewissen.

Mengelberg hat sich aber – im Unterschied zu anderen prominenten Niederländern – nie privat mit dem Reichskommissar eingelassen. So viel Instinkt besaß er denn doch. Dass er ihn bei offiziellen Anlässen traf, war unter den gegebenen Umständen kaum zu vermeiden. Die dabei entstanden Fotos, die beide zeigen, haben Mengelberg natürlich nicht zum Vorteil gereicht.

Bei der Befreiung der Niederlande stellte sich Seyß-Inquart in vollem Bewusstsein, dass ihn das Todesurteil erwartete, freiwillig den Alliierten.

Autor

Schmidt über Schmidt.

Michael Schmidt in der Auvergne, 2013 (Foto: Junying Li)

Auf Mengelberg bin ich Ende der 1990er Jahre gestoßen. Damals hörte ich bis zum Exzess die Musik Gustav Mahlers und las alles Gedruckte über ihn. Dabei stellte ich fest, dass den erklärten Lieblingsinterpreten des Komponisten, eben Mengelberg, ein merkwürdiges Schweigen umgab. Ich beschaffte mir seine Aufnahme von Mahlers 4. Symphonie – und war so hingerissen, dass ich zu recherchieren begann. In der Frühzeit des Internets war das nicht einfach.

Aber erst, dass ich 2002 per Zufall in die Chasa gelangte und dort Adriaan van Woudenberg traf, der Mengelberg noch gekannt hatte, brachte die Sache ins Rollen. „Schreiben Sie doch ein Buch über ihn, den die Welt verleugnet“, ermunterte mich van Woudenberg. „Ich habe leider keine Ahnung von Musik,“, wandte ich ein. „Aber das Thema interessiert Sie doch,“ entgegnete der alte Hornist verwundert, „und die langweiligsten Bücher über Musik schreiben sowieso Musiker.“

Zunächst einmal schickte er mich ins Niederländische Musikinstitut in Den Haag – zu Frits Zwart, Mengelbergs Biografen. Der erklärte mir die Zusammenhänge. Ich konnte Einblick in Mengelbergs „korrigierte“ Dirigierpartituren nehmen und seinen Briefwechsel mit Mahler lesen – im Original.

In München traf ich dann kurz vor dessen Tod Prof. Jan Koetsier, Mengelbergs letzten Assistenzdirigenten. Von ihm erfuhr ich viel über die bizarre Persönlichkeit des Maestros, die allen Klischees vom „großen Künstler“ zuwiderläuft.

Trotzdem dauerte es noch viele Jahre, bis ich eine Form gefunden hatte, mit der ich jenen Mix aus Fakten und Fiktion erzeugen konnte, der mir vorschwebte – und die dabei auch noch die Klippen meines fehlenden Sachverstandes umschiffte. Interviews fürs Volk geben sie doch schließlich alle: Staatspräsidenten, Philosophen – und Dirigenten. Gerne gestehe ich, dass ich mir beim Schreiben vorstellte, ich sei ein Reporter vom SPIEGEL und rede mit Mengelberg. Mitten im Pingpong der Fragen und Antworten aber wurde mir klar: Er hätte dieses Spiel so nie mitgemacht. Also begann ich von vorn und machte einen Monolog daraus. Der Reporter bleibt dazu verdammt, eine Art stummer Diener zu sein. So passte es besser.

Der Richtigspieler ist mein erster Roman. Zuvor habe ich schon zwei Sachbücher geschrieben.

Medien-Echo

Kurzum: Da sieht jemand am Ende seines Lebens noch einmal klar, dass er sich verzockt hat. Dass er sich seiner Macht zu sicher war und vom Spielmacher zum Spielball wurde, auf Gedeih und Verderb und Gnade Mächten ausgeliefert, denen er nichts entgegenzusetzen hatte.

Peter Korfmacher in der Leipziger Volkszeitung, 24.1.2018

Obwohl sich Der Richtigspieler streckenweise eher liest wie ein Essay, fällt es schwer, sich davon loszureißen. Vielleicht, weil Michael Schmidt seinem Willem Mengelberg eine starke, charismatische Erzählstimme verleiht. Das Buch eignet sich als Biografie-Ersatz … nur bedingt. Dennoch kann man Michael Schmidt für seinen Mengelberg-Roman dankbar sein. Neben einer vergriffenen Biographie ist er momentan die einzige Möglichkeit, mehr als ein paar Eckdaten über den Dirigenten zu erfahren, außerdem macht er Lust, sich intensiv mit Mengelberg zu beschäftigen. Und das ist wichtig. Schließlich gehören gerade umstrittene Persönlichkeiten wie er nicht totgeschwiegen, sondern diskutiert – egal, ob er nun der Richtigspieler war, oder nicht.

Desirée Löffler auf SWR2 Klassik, 4.4.2018

Lesenswert, weil es enorm gut recherchiert ist. Und lesenswert, weil dem Autor der Drahtseilakt gelungen ist, sein Wissen in eine Form zu packen, die über herkömmliche Biografien hinausragt. Schmidt lässt Mengelberg selbst reden und das gelingt so gut, dass man das Gefühl hat, diesem leidenschaftlichen Wüterich gegenüber zu sitzen. In Zeiten von Streaming-Diensten gibt es noch einen zusätzlichen Hörgenuss beim Lesen: Es lohnt sich in alte Mengelberg-Aufnahmen hineinzuhören und mit eigenen Ohren zu überprüfen, was Schmidt / Mengelberg meinen, wenn es z. B. um das wahre Gefühl bei Tschaikowskis Pathétique geht. Kurzum, ein erstaunliches Buch, dem ich viele Leser wünsche.

Leserkritik auf Amazon, 28.10.2018